Nearshoring und Reshoring – Trend oder vorübergehende Modeerscheinung?

Januar 5, 2026

Nearshoring and reshoring – trend or temporary fashion?

In den vergangenen Jahren sind Nearshoring und Reshoring zu wiederkehrenden Themen in der Diskussion über industrielle Resilienz und die Sicherheit von Lieferketten geworden. Politische Debatten, Unternehmensstrategien und die mediale Berichterstattung vermitteln häufig den Eindruck einer umfassenden Umkehr der Globalisierung, bei der Produktionskapazitäten nach Jahrzehnten der Verlagerung ins Ausland angeblich „nach Hause zurückkehren“.

Ein genauerer Blick auf die Daten zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Zwar werden Lieferketten zweifellos neu konfiguriert, doch Umfang, Richtung und ökonomische Logik dieser Verschiebungen unterscheiden sich erheblich je nach Region und Branche. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Verlagerungen stattfinden, sondern welche Art von Verlagerung zu beobachten ist – und ob es sich um einen strukturellen Trend oder um eine begrenzte, kontextspezifische Reaktion auf jüngste Schocks handelt.

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Was Restrukturierungsdaten über Reshoring in Europa zeigen

Eine der umfassendsten Quellen zur Erfassung unternehmerischer Restrukturierungen in Europa ist der von Eurofound gepflegte European Restructuring Monitor. Der Datensatz umfasst tausende Ankündigungen zu Umstrukturierungen in den EU-Mitgliedstaaten, darunter Standortschließungen, Personalabbau, Offshoring- und Reshoring-Fälle.

Den Daten zufolge macht Reshoring weniger als ein Prozent aller erfassten Restrukturierungsfälle aus, während Offshoring rund vier Prozent erreicht. Selbst im Jahr 2022, als Lieferkettenstörungen, Energieschocks und geopolitische Spannungen ihren Höhepunkt erreichten, verzeichnete der Monitor EU-weit lediglich dreizehn Reshoring-Ankündigungen.

Auch über einen längeren Zeitraum bleibt dieses Muster stabil. Zwischen 2014 und 2024 registrierte Eurofound 212 Fälle von Standortverlagerungen oder Teilverlagerungen, die nahezu 40.000 Arbeitsplätze betrafen. Diese Zahlen sind beschäftigungspolitisch relevant, stehen jedoch in keinem Verhältnis zum Gesamtvolumen der unternehmerischen Restrukturierungsaktivitäten.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Reshoring existiert, ist jedoch nicht die dominante Form industrieller Anpassung in Europa. Die meisten Unternehmen reagieren auf Unsicherheit durch interne Reorganisation, Diversifizierung von Zulieferern oder partielle regionale Verschiebungen, statt durch eine vollständige Rückverlagerung der Produktion ins ursprüngliche Herkunftsland.

Nordamerika: Nearshoring sichtbar in realen Handelsströmen

Während Europa von Vorsicht und schrittweisen Anpassungen geprägt ist, bietet Nordamerika eines der deutlichsten Beispiele dafür, dass Nearshoring nicht nur in Unternehmensankündigungen, sondern auch in harten Handelsdaten sichtbar wird.

Untersuchungen der Federal Reserve Bank of Dallas zeigen, dass Mexiko im Jahr 2023 zum größten Herkunftsland für US-Warenimporte wurde und im Jahr 2024 rund 15,5 Prozent der gesamten US-Warenimporte stellte. Diese Entwicklung deutet auf eine nachhaltige Neuorientierung hin und nicht auf einen kurzfristigen Ausschlag.

Handelsstatistiken verdeutlichen zudem das Ausmaß. Im Jahr 2023 überstiegen die US-Importe aus Mexiko 475 Milliarden US-Dollar und lagen damit über den Importen aus China. Allein verarbeitete Industriegüter machten mehr als 420 Milliarden US-Dollar aus, mit einem jährlichen Wachstum von über fünf Prozent. Im selben Zeitraum gingen die US-Importe aus China relativ zurück, während die Importe aus Mexiko seit dem späten Jahrzehnt der 2010er Jahre um mehr als fünfzig Prozent zunahmen.

Diese Zahlen sprechen dafür, dass Nearshoring in Nordamerika ein struktureller Trend ist, getrieben durch geografische Nähe, Handelsabkommen, logistische Effizienz und Risikodiversifikation – und nicht allein durch Kostenarbitrage.

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Reshoring in den USA: Ankündigungen versus reale Effekte

Gleichzeitig verdeutlicht der US-Fall auch die Grenzen von Reshoring-Narrativen. Die von der Reshoring Initiative erfassten Unternehmensankündigungen weisen für das Jahr 2024 rund 244.000 angekündigte Arbeitsplätze aus Reshoring- und ausländischen Direktinvestitionen aus, nach 287.000 angekündigten Stellen im Jahr 2023, einem der höchsten Jahreswerte überhaupt. Kumuliert wurden seit 2010 mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze angekündigt, von denen rund 1,7 Millionen als tatsächlich besetzt gelten.

Diese Zahlen belegen eine erhebliche Investitionsabsicht. Makroökonomische Indikatoren zeichnen jedoch ein vorsichtigeres Bild. Analysen im Zusammenhang mit dem Reshoring Index 2025 zeigen, dass sich das Verhältnis von Industrieimporten zur inländischen Produktion um neun Prozent erhöhte, während die heimische Industrieproduktion nur um etwa ein Prozent wuchs. Importe aus vierzehn asiatischen Niedriglohnländern nahmen um rund 90 Milliarden US-Dollar zu und übertrafen damit das Wachstum der inländischen Produktion.

Dieser Kontrast verdeutlicht ein wiederkehrendes Muster: Reshoring-Projekte sind kapitalintensiv und benötigen lange Vorlaufzeiten, während Importe in der Zwischenzeit mit der Nachfrage skalieren. Infolgedessen wachsen Nearshoring und diversifizierte Beschaffungsstrategien schneller, als inländische Kapazitäten Importe ersetzen können.

Das europäische Muster: innerregionale Anpassung statt Rückkehr „nach Hause“

In Europa nimmt die Neuordnung der Lieferketten eine andere Form an. Erhebungen zu ausländischen Direktinvestitionen zeigen, dass die Gesamtzahl der FDI-Projekte in Europa im Jahr 2024 um fünf Prozent zurückging und damit das zweite Jahr in Folge einen Rückgang verzeichnete. Deutschland als größte Industrienation Europas meldete einen Rückgang der angekündigten Projekte um siebzehn Prozent.

Gleichzeitig verschob sich die Zusammensetzung der Investitionen. Der Anteil inner­europäischer Investitionen stieg gegenüber 2015 um rund fünf Prozentpunkte, während Projekte von US-Investoren im Jahresvergleich deutlich zurückgingen. Dies deutet darauf hin, dass Nearshoring im europäischen Kontext häufig bedeutet, Kapazitäten innerhalb des Kontinents zu verlagern oder auszubauen, anstatt Produktion vollständig in das ursprüngliche Heimatland zurückzuführen.

Energiekosten, regulatorische Komplexität, Verfügbarkeit von Arbeitskräften und lange Genehmigungsverfahren begrenzen weiterhin die Attraktivität Europas für großvolumige, global mobile Industrieinvestitionen. Stattdessen optimieren Unternehmen ihre Standortentscheidungen innerhalb der Region, um Risiken, Kosten und Marktzugang auszubalancieren.

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Halbleiter: wo Reshoring politisch getrieben ist

Die greifbarsten Beispiele für Reshoring und Nearshoring in Europa finden sich in strategischen Sektoren, insbesondere in der Halbleiterindustrie, in denen industriepolitische Maßnahmen eine zentrale Rolle spielen.

Die europäische Halbleiterstrategie wird häufig mit einem Gesamtvolumen von 43 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Mitteln zusammengefasst. Aufsichts- und Prüfinstitutionen haben jedoch wiederholt Zweifel an der Umsetzbarkeit des erklärten Ziels geäußert, bis 2030 einen Anteil von 20 Prozent an der weltweiten Halbleiterproduktionswertschöpfung zu erreichen. Aktuelle Projektionen gehen eher von rund 11,7 Prozent aus und verdeutlichen damit die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung.

Konkrete Projekte verdeutlichen sowohl das Potenzial als auch die Grenzen. Im Jahr 2025 genehmigten europäische Behörden staatliche Beihilfen in Höhe von 920 Millionen Euro für ein neues Halbleiterwerk von Infineon in Dresden, Teil einer Gesamtinvestition von 3,5 Milliarden Euro, dessen Vollbetrieb für 2031 vorgesehen ist. Separat plant ein Joint Venture unter Beteiligung von TSMC eine Fabrik in Dresden mit einer Zielkapazität von 40.000 300-Millimeter-Wafern pro Monat, Produktionsbeginn bis Ende 2027 und rund 2.000 direkten Arbeitsplätzen.

Diese Projekte bestätigen, dass neue Kapazitäten in Europa entstehen, zeigen aber zugleich, warum Reshoring langsam verläuft: lange Bauzeiten, extreme Kapitalintensität und eine starke Abhängigkeit von Subventionen machen eine schnelle Skalierung unrealistisch.

Die ökonomischen Grenzen eines aggressiven Reshorings

Über die Umsetzbarkeit hinaus bestehen grundlegende ökonomische Beschränkungen. Modellrechnungen internationaler Institutionen deuten darauf hin, dass eine weitgehende Lokalisierung von Lieferketten das globale Handelsvolumen um mehr als achtzehn Prozent verringern und das weltweite reale Bruttoinlandsprodukt um über fünf Prozent senken könnte. In einigen fortgeschrittenen Volkswirtschaften erreichen die prognostizierten BIP-Verluste unter extremen Reshoring-Szenarien sogar zweistellige Werte.

Zudem führt geringere Handelsintegration nicht automatisch zu höherer Resilienz. In mehreren modellierten Volkswirtschaften nimmt die Produktionsvolatilität sogar zu, da Unternehmen Diversifikationsvorteile verlieren und Risiken stärker im Inland konzentrieren. Dieses Ergebnis erklärt, warum die meisten Unternehmensstrategien vor einem vollständigen Reshoring Halt machen. Risikoreduktion erfolgt durch regionale Diversifikation und Redundanzen, nicht durch Autarkie.

Fazit

Nearshoring und Reshoring sind weder leere Schlagworte noch universelle Lösungen. Die Evidenz zeigt einen klaren Trend zur Regionalisierung und Risikoreduzierung, der sich besonders deutlich im nordamerikanischen Nearshoring und in den inner­europäischen Investitionsmustern widerspiegelt. Gleichzeitig bleibt vollständiges Reshoring in seinem Umfang begrenzt, eingeschränkt durch Kosten, Kapazitäten und Umsetzungsrealitäten.

In strategischen Sektoren wie der Halbleiterindustrie haben politische Eingriffe konkrete Projekte mit messbaren Kapazitäts- und Beschäftigungseffekten ermöglicht. Selbst dort erstrecken sich die Zeiträume jedoch über ein Jahrzehnt und bleiben hinter den öffentlichen Zielsetzungen zurück.

Die vorherrschende industrielle Reaktion ist daher pragmatisch statt ideologisch: Unternehmen geben globale Lieferketten nicht auf, sondern gestalten sie weniger anfällig. Diese Anpassung ist strukturell – jedoch deutlich selektiver und ökonomisch fundierter, als es die gängige Erzählung nahelegt.

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